Sport | Freitag, 7. April 2000

«Nun muss die Bestätigung folgen»

Michael Hristidis verteidigt morgen in St. Gallen seinen EM-Titel im Kickboxen

Vor einem halben Jahr gewann Michael Hristidis den EM-Titel im Kickboxen in St. Gallen gegen Caldeira Guillamme. Morgen (ab 20.00 Uhr, alte Kreuzbleiche) verteidigt er den Titel wiederum gegen einen Franzosen.

Ralph Weibel

Michael Hristidis schlägt mit dem Unterschenkel in die Pratze - den gepolsterten Armschutz - von Trainer Rohy Batliwala und sucht mit seinen Augen nach der Uhr, in der Hoffnung, der kurze Signalton werde die Runde bald beenden. «Mach weiter, nicht auf die Uhr sehen!», fordert ihn Batliwala auf. Hristidis schlägt noch eine harte Kombination mit den Fäusten und lässt ihr einen Fusstritt folgen. Klick! - Pause. Durchatmen. Das tropfnasse T-Shirt nimmt längst keinen Schweiss mehr auf.

Europameister am Bahnhof

Im letzten Training vor der ersten Titelverteidigung geht Michael Hristidis noch einmal über zehn Runden. Diese dauern bewusst zweieinhalb Minuten. Grenzen sollen ausgelotet werden. Morgen ist der Kampf auf zehnmal zwei Minuten angesetzt. «Am schlimmsten sind die Runden fünf, sechs und sieben», sagt Hristidis aus Erfahrung. Das sind die Runden, in denen Schmerzen und Zweifel aufkommen.Im vorangegangenen Training blieb nur Zeit für acht Runden. Dann musste der Europameister zum Bahnhof. Der letzte Zug von Buchs nach St. Gallen fährt um 21.00 Uhr. Zweimal wöchentlich trainiert Hristidis bei Rohy Batliwala im Wing Thai Gym in Buchs. Da der 28-Jährige kein Auto hat und zu 100 Prozent als Marketing Assistent in St. Gallen arbeitet, muss der Tag minutiös geplant werden. Die restlichen Trainings bestreitet der Kickboxer in der Thai Gym Arena von Franco Manzan in Rorschach. Manzan ist es, der die Thai-Box-Gala in St. Gallen organisiert.

Varianten vorbereitet

«Ich bin seit heute Vormittag so nervös, wie wenn ich zehn Minuten vor dem Kampf stünde», sagt Hristidis zu seinem Trainer. «Nur weil er grösser ist?», gibt dieser zurück und strahlt dabei Zuversicht aus, welche das Vertrauen in seinen Kämpfer wiedergibt. Viel war über den Herausforderer nicht in Erfahrung zu bringen. «Wir haben einzig die Informationen der WKN», sagt Batliwala. Aziz Boumansour heisst der französische Gegner algerischer Abstammung. Er ist 1,80 Meter gross und gilt als guter Mann, der in seinen bisherigen Kämpfen noch nie k.o. ging. Während zwei Wochen hat sich Boumansour in Thailand vorbereitet. Eine seiner Stärken ist das Wechseln der Auslage. «Wir haben uns so vorbereitet, dass wir in jedem Fall reagieren und verschiedene Varianten anwenden können», sagt Batliwala. «Für Michael ist der Kampf sehr wichtig. Nach seinem Titelgewinn muss nun die Bestätigung folgen. Wenn er den Titel verteidigt, ist ein WM-Kampf im Herbst in greifbarer Nähe.»

Baldrian

Der Hauptkampf um den WKN-Kickbox-EM-Titel ist der unbestrittene Höhepunkt (ca. 22.00 Uhr) der Kampfsport-Gala in der alten Kreuzbleichehalle. Den Rahmen bilden diverse andere Kämpfe. Einen von diesen wird Carole Flury bestreiten. Die Baslerin trainierte früher in der Schule von Michael Hristidis in Basel und macht morgen ihren ersten Kampf. Sie bereitet sich ebenfalls unter Anleitung von Rohy Batliwala vor. «Eigentlich habe ich zu Frauenkämpfen ein gespaltenes Verhältnis», sagt Batliwala. «Bei Carole sehe ich aber, dass sie gut vorbereitet ist.» International sind Frauen, die kämpfen, sehr gesucht. «Es ist auffallend, wie viel leichter man mit einem Frauenkampf in die Medien kommt», sagt Batliwala.Die letzte intensive Trainingseinheit vor dem Kampf geht für Michael Hristidis zu Ende. Müde macht er sich auf den Heimweg. Die Gedanken auf den kommenden Samstag gerichtet: «Jetzt gehts nach Hause, ein paar Baldriantropfen und dann ab ins Bett.»

 

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