Sport | Samstag, 6. November 1999

Ein Schlag gegen Vorurteile

Der HSG-Student Michael Hristidis kämpft in St. Gallen um den EM-Titel

Heute findet in der alten Kreuzbleiche-Halle St. Gallen eine Kick- und Thai-Box-Gala statt. Beim Hauptkampf fordert der St. Galler Michael Hristidis den französischen Europameister Caldeira Guillamme.

Ralph Weibel

Kampfsportlern haftet mitunter das Vorurteil an, sie seien dumm, primitiv und streitsüchtig. Sicherlich gibt es Beispiele, die dies untermauern. Doch mindestens so viele wiederlegen die vorgefasste Meinung. «Ab einem gewissen sportlichen Niveau setzen sich nur Kämpfer durch, die eine starke Persönlichkeit haben», sagt Michael Hristidis. Der 28-jährige HSG-Student steigt seit zwölf Jahren in den Ring.

Komplexität und Echtheit
«Zum Teil kommen Kampfsportler eher aus tieferen sozialen Schichten. Diese Leute identifizieren sich vielleicht einfacher mit der physischen Auseinandersetzung. Die Bereitschaft zum Kampf ist aber in uns allen drin», sagt Michael Hristidis. Der Student begeistert sich vor allem deshalb für das Kick- und Thai-Boxen, «weil er die Komplexität und Echtheit» dieser Sportart schätzt. «Es gibt wenige Sportarten, die so ehrlich sind. Als Kämpfer muss man diese Ehrlichkeit mitbringen. Im Ring kann man sich hinter niemandem verstecken, es zählt nur die eigene Leistung.» Für Hristidis ist Kampfsport denn auch ein Lebensweg. «Man lernt nicht aufzugeben und härter zu sich selber zu sein. Wie im Alltag kann man sich einer Herausforderung stellen, oder einfach davonlaufen.»

Der beste Trainer
Davonlaufen will er heute auf keinen Fall. In den vergangenen zwei Monaten hat er sich intensiv auf den Europameisterschafts-Kampf gegen den 24-jährigen Franzosen Caldeira Guillamme (französischer Meister 1997) vorbereitet. Zur Seite stand Hristridis sein Trainer Roy Battiwala vom Wing-Thai-Gym Buchs. «Wegen ihm habe ich überhaupt mit dem Thai- und Kick-Boxen weitergemacht. Battiwala ist für mich der beste Trainer den es in der Schweiz gibt.»Als gebürtiger Basler kam Michael Hristidis vor zwei Jahren nach St. Gallen, um an der Universität Jus zu studieren. «So ergab sich für mich die Möglichkeit in Buchs zu trainieren. Hätte ich nicht so gute Rahmenbedingungen vorgefunden, hätte ich mit dem Wettkampfsport wohl aufgehört», sagt der Schweizer Meister von 1996.Während der Wettkampf-Vorbereitung trainierte Hristidis täglich. Mindestens zweimal wöchentlich fuhr er mit dem Zug nach Buchs ins Training, ansonsten trainierte er beim Veranstalter der «Fight Night» von St. Gallen, Franco Manzan, Inhaber des Arena Thai Gym Rorschach. Zwar hatte der Herausforderer in Buchs mit seinem Trainer einen hervorragenden Fachmann zur Seite, dennoch gestaltete sich das Training zum Teil unbefriedigend. «Es ist sehr schwierig, auf einem gewissen Niveau gute Sparringspartner zu finden», sagt Hristidis.

Unbekannter Gegner

Wie stark sein heutiger Gegner sein wird, weiss der Wahl-St. Galler nicht. Guillamme ist französischer Meister 1997 und gewann im vergangenen Frühling den WKN-Europameister-Titel. Der 24-jährige Kämpfer gewann 16 von seinen bisher 17 Kämpfen, zwei davon durch K. o. «Es ist sehr schwierig, an weitere Informationen heranzukommen, geschweige denn an ein Video», sagt der Herausforderer. «Da er aber die meisten Kämpfe über die volle Zeit gehen musste, gehe ich davon aus, dass er in einer sehr guten konditionellen Verfassung ist, technisch sehr gut kämpfen wird, aber wahrscheinlich nicht sehr hart zuschlägt.»

Hoffe auf Unterstützung
Im vergangenen Jahr, bei der ersten Austragung der St. Galler Fight-Night, kamen rund 500 Besucherinnen und Besucher in die Alte Kreuzbleiche. Auf einen mindestens so hohen Zuschauerzuspruch hoffen die Organisatoren auch an diesem Wochenende. Die Veranstaltung soll in den kommenden Jahren zu einer festen Grösse im Ostschweizer Sportkalender werden. «Ich hoffe, dass mich die Zuschauer bei meinem Heimauftritt unterstützen werden und viele Kollegen von der HSG kommen», sagt Hristidis. Mit einem gelungenen Anlass können vielleicht ein paar Vorurteile abgebaut werden, dazu muss aber der Weg in die Kreuzbleiche-Halle in Kauf genommen werden.

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